Paul Schneider - der Prediger von Buchenwald

Neben der Weilheimer Nikomedes-Kirche führt die ehemalige Kilchberger Strasse direkt in den Nachbarort. Sie wurde 2002 in Paul-Schneider-Straße umbenannt.

Der Pfarrerssohn wurde am 29. August 1897 in einem kleinen Ort im Hunsrück geboren. Während Dietrich Bonhoeffer jeder kennt, ist der "Prediger von Buchenwald" kaum jemandem ein Begriff. Obwohl er neben Bonhoeffer zu den wichtigsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts gehört, die sich mit Hitlers Diktatur nicht abfinden wollten und ihre aufrechte Haltung mit dem Leben bezahlen mussten.

Paul Schneider machte in Gießen ein Notabitur und zog gleich darauf als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Anschließend studierte er Theologie in Gießen. 1920 verbrachte er ein "Auslandssemester"in Tübingen und wohnte bei der Pfarrfamilie Dieterich in Weilheim. Schneider verliebte sich in deren 16-jährige Tochter Margarete. Zwei Jahre später, nachdem Schneider sein erstes theologisches Examen abgelegt hatte, waren die beiden verlobt. Paul Schneider beendete seine Ausbildung und arbeitete eine Weile in der Berliner Staatsmission, anschließend wurde er Vikar bei seinem Vater. Nach dessen Tod übernahm Paul Schneider die Pfarrstelle, was nicht zuletzt bedeutete, dass er seine Verlobte Margarete Dieterich endlich heiraten konnte. Die Hochzeit wurde natürlich am Wohnort der Braut gefeiert, ihr Vater traute das Paar in der Nikomedes-Kirche am 12. August 1926. Anschließend trat Schneider eine Pfarrstelle in Hochelheim bei Wetzlar an. 1934 wurde er Mitglied der Bekennenden Kirche und geriet immer wieder in heftige Konflikte mit dem NS-Regime, das er nur das "Mackertum" nannte.

Es war für ihn selbstverständlich, dass ihm seine Gemeinde von Gott anvertraut worden war und dass keine weltliche Macht das Recht hätte, sich zwischen ihn und seine Gemeinde zu stellen: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." Der erste ernsthafte Zusammenstoß mit den örtlichen Parteigrößen brachte ihm eine Woche "Schutzhaft" ein. Bei der Beerdigung eines Hitlerjungen behauptete ein Parteikreisleiter, das tote Kind würde in den "himmlischen Sturm Horst Wessel" eingehen. Paul Schneider protestierte heftig dagegen, wurde wegen staatsfeindlicher Äußerungen angezeigt und erhielt Aufenthaltsverbot in seiner Gemeinde.

1937, zwei Wochen nach der Geburt seines sechsten Kindes, hielt er trotz des Verbots die Predigt zum Erntedankfest, wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Als er sich an Hitlers Geburtstag weigerte, vor der Hakenkreuzfahne seine Mütze abzunehmen, kam er in verschärfte Einzelhaft. Trotz Arrest in einer Zelle ohne Licht und Schlafmöglichkeit, Schlägen und Essensentzug, brachte er es fertig, seine Mithäftlinge zu trösten und ihnen Mut zu machen. Er predigte von seinem Zellenfenster aus oder rezitierte mit lauter Stimme Texte aus der Bibel. Überlebende erzählen, sie seien durch Schneiders Stimme daran erinnert worden, dass Gottes Macht weiter reicht als die der Menschen und hätten so Kraft zum Durchhalten schöpfen können.

Über ein Jahr hielt Schneider selber durch. "Es darf ja nicht schwerer kommen, als wir tragen können, diese Zusage haben wir. Für alles, auch für unser eigenes Reifen und Wachsen, weiß Gott allein die rechte Zeit", notierte er im Oktober 1938 in einem Brief an seine Frau. Am 18. Juli 1939 wurde er vom Lagerarzt mit einer Überdosis Stropamin umgebracht.

 

Artikel von Andrea Bachmann

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Paul-Schneider-Gesellschaft